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"Einheitsschule"

20.04.07

Was ist eigentlich „Einheitsschule“ ?

„FDP ist gegen Einheitsschule“ stand am 18. April in großen Lettern auf der Kreisseite des Patriot. Der umtriebige FDP –Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete und  FDP–Fraktionsvorsitzende im Erwitter Rat und Vize-Fraktionsvorsitzender der FDP-Landtagsfraktion und, und, … Christoph Rasche äußerte sich in einem Artikel über Bildungspolitik. Da war zum Beispiel die Rede von einem Gespräch Rasches mit der Schulministerin des Landes NRW Barbara Sommer, bei dem sich Rasche für „eine bessere und direkte Information der Lehrerinnen und Lehrer“ eingesetzt hat, denn der Informationsweg über die Bezirksregierungen habe sich nicht bewährt. „Im Gespräch mit der Ministerin hat Rasche eine bessere und direkte Information der Lehrerinnen und Lehrer über die neue Bildungspolitik in NRW vorgeschlagen.“  

Was will uns Herr Rasche damit eigentlich sagen? Nichts, denn diese Aussage ist so überflüssig wie der ganze Artikel. Im Zeitalter der Kommunikationsmedien ist die Weitergabe von Information seitens des Schulministeriums an die Lehrer kein Problem. Da gibt es z.B. die Internetplattform learn-line oder den Bildungsserver etc. Und die Abschaffung der Bezirksregierungen hat Herr Rasche sicher auch nicht ernsthaft in Erwägung gezogen.
Informationen bekommen die Schulen eigentlich reichlich von dem Ministerium und da unterscheidet sich Frau Sommer in keiner Weise von ihren Vorgängerinnen im Amt.
Das entscheidende Problem ist z.Zt. eher eine gewisse Orientierungslosigkeit hinsichtlich der von Rasche zitierten und politisch immer wieder angesprochenen „neuen Bildungspolitik“.
Da war z.B. eine der ersten Amtshandlungen der neuen Ministerin, den von der Vorgängerregierung geplanten, fächerübergreifenden naturwissenschaftlichen Unterricht in den Anfangsklassen aller weiterführender Schulen kurz vor dem Start per Erlass rückgängig zu machen. Zwei Jahre intensive Vorbereitungszeit und kreative Arbeit vieler Kolleginnen und Kollegen aller Schulformen wurden kurzerhand eingestampft. Ein halbes Jahr später tritt die gleiche Ministerin in Bochum anlässlich einer Veranstaltung zum bundesweiten  „Sinus –Modellversuch“ vor die Presse und lobt die vorgestellten fächerübergreifenden Projekte aus Mathematik und Naturwissenschaften über den Klee. Das soll mal einer verstehen, der sich in Schule auskennt!?  Auf die  von der Landesregierung angekündigten neuen Kernlehrpläne für Naturwissenschaften warten die Schulen übrigens leider immer noch, obwohl sie schon im August des vorigen Jahres angekündigt worden sind.
Da werden Kinder nach vier Grundschuljahren in die weiterführende Schule per Gutachten gezwungen, das meistens von einer Lehrerin ausgestellt wird. Wenn das Kind gerade mit dieser Lehrerin nicht zurechtgekommen ist, was ja vorkommen kann, hat man Pech gehabt.
Ein Schüler, der seine Begabungen vielleicht auf den Gebieten hat, die nicht die Schwerpunktthemen seiner Klassenlehrer(in) in der Grundschule entsprechen, hat ebenfalls schlechte Karten (abgesehen von der Möglichkeit des Widerspruches und einem zweifelhaften Verfahren des Prognoseunterrichtes). Da waren die Aufnahmeprüfungen der sechziger Jahre für die weiterführenden Schulen vielleicht noch gerechter.
Natürlich haben die Grundschulgutachten eine Aussagekraft, die Eltern auch ernst nehmen sollten und die meisten Gutachten werden mit viel Sachverstand erhoben. Unbestritten gab es in der Vergangenheit eine Fehlentwicklung, wenn  Eltern ihre Kinder  entgegen den Gutachten in eine Schulform angemeldet haben, die die Kinder überforderte. Aber Kinder nach vier Grundschuljahren in verschiedene Schulformen zu sortieren, ist nach Ansicht namhafter Wissenschaftler schlicht  falsch. Die Statistik sagt, dass die Grundschulgutachten nur zu ca 50% zutreffen.  

Der UN–Menschenrechtsbeauftragte Vernor Munoz, der kürzlich die Schullandschaft in Deutschland inspizierte, bescheinigte der deutschen Bildungspolitik, dass es oft zu einer Auslese der Kinder nach sozialer Herkunft komme, anstatt nach Leistung. Und auch in der Wochenendausgabe des Patriot findet man in der Rubrik „Beruf und Bildung“ folgendes Zitat: „ Die strenge Gliederung in Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien hält auch Prof. Dr. Jürgen Oelkers (Uni Zürich) für überholt: Das ist in Europa ein Auslaufmodell. Die strikte Trennung nach vier Schuljahren gibt es nur noch in Deutschland und Österreich.“ Übrigens steuern da auch andere Bundesländer wie z.B. Schleswig Holstein um einer Auslese der Kinder nach sozialer Herkunft und nicht nach Leistung komme.
Herr Rasche schreibt in dem o.g. Patriot – Artikel „... Bessere Bildung für alle können wir nur erreichen, wenn wir über Inhalte sprechen. Eine ideologische Schulformdebatte der 70er Jahre bringt uns keinen Schritt weiter.“ Recht hat Herr Rasche, das Problem ist nur, dass er selbst mit den ideologisierenden Begriffen der damaligen Zeit in dem Artikel nur so um sich wirft.
Da ist die Rede von „Einheitsschule“, oder „wir müssen wieder auf Leistung setzen, statt Noten abzuschaffen“,  oder von dem „bildungspolitischen Scherbenhaufen“ usw*. Inhaltlich neue Aspekte liefert der Artikel leider nicht. Wenn man sich mit Inhalten der Bildungspolitik in diesem Lande ernsthaft auseinandersetzt, findet man keine Schule, die auf Noten verzichtet hätte oder gar eine „Einheitsschule“. Wenn Herr Rasche damit die Gesamtschule meint, hat er sich mit dieser Schulform noch nicht auseinander gesetzt. Man kann ja heftig über Schulformen politisch streiten, aber bitte inhaltlich fundiert. Vielleicht lässt das ja die augenblickliche Umtriebigkeit des Herrn Rasche nicht zu.

Mit Totschlagargumenten aus der Mottenkiste kommen wir aber nicht weiter. Wir sollten neue bildungspolitische Ansätze sorgfältig sachlich prüfen und auch in Erwitte dafür offen bleiben und z.B. bei der Planung des Schulzentrums bedenken und berücksichtigen.

* Die bildungspolitischen Äußerungen der SPD–Fraktionsvorsitzenden im Landtag Hannelore Kraft sind leider auch nicht glaubwürdig. Man kann ihr die Frage stellen: Warum habt Ihr denn in eurer Regierungszeit keine bessere Bildungspolitik gemacht und Strukturen verändert ?

Der zitierte FDP -Artikel kann übrigens auf der Erwitter FDP -Seite nachgelesen werden.

Homepage der BG Erwitte